Zahlen und Fakten: Blindheit und Sehbehinderung

Die Sehhilfenberaterin des BSVH, Marina Sossidi probiert mit einer ratsuchenden Frau eine elektronische Lupe aus

Foto: © BSVH/Schwering

Augen­krankheiten – Zahlen für Deutsch­land

Wie verbreitet sind Augen­krankheiten in Deutschland? Eine einfache Frage, möchte man meinen, aber die Antwort war bisher alles andere als einfach, weil entsprechende Studien fehlten. 2018 veröffentlichte die Woche des Sehens erstmals Zahlen, die durch eine groß angelegte und in Deutschland durchgeführte Untersuchung einer repräsentativen Bevölker­ungs­stich­probe gestützt werden. Dabei handelt es sich um die Gutenberg-Gesundheitsstudie (Gutenberg Health Study - GHS), ein international renommiertes Forschungsprojekt der Univer­sitäts­medizin Mainz.  

An der GHS haben seit 2007 mehr als 15.000 Personen als Probanden teilgenommen. Im Jahr 2015 wurden die ersten Zahlen zu Augenerkrankungen aus dieser Reihenuntersuchung veröffentlicht. Inzwischen liegen Daten zur Häufigkeit der drei größten Augenerkrankungen Altersabhängige Makula-Degeneration, Glaukom (Grüner Star) und Diabetische Retinopathie vor. Es sind die ersten Zahlen, die sich auf eine groß angelegte und in Deutschland durchgeführte Untersuchung einer repräsentativen Bevölker­ungs­stich­probe stützen können. Sie bestätigen Daten internationaler Meta-Analysen.

In Deutschland beträgt demnach bezogen auf die Gesamt­bevölkerung der

  • Anteil der Menschen mit Alters­abhängiger Makula-Degeneration (Spätstadien) 0,58 Prozent (also ca. 480.000 Betroffene)
  • Anteil der Menschen mit Alters­abhängiger Makula-Degeneration (Frühstadien) 8,38 Prozent (also ca. 6.938.000 Betroffene)
  • Anteil der Menschen mit Glaukom 1,11 Prozent (also 919.000 Betroffene)
  • Anteil der Menschen mit Diabetischer Retinopathie 1,53 Prozent (also 1.267.000 Betroffene) (21,7 Prozent der Personen mit bekanntem Diabetes in Deutschland)

Unter www.woche-des-sehens.de/augenkrankheiten wird dargestellt, wie die Zahlen gebildet wurden und welche Definition der jeweiligen Augen­krankheit Anwendung fand.

Häufigkeit Blindheit/Seh­behinderung in Hamburg (Schätzungen des BSVH)

Der Blinden- und Seh­behinderten­verein Hamburg (BSVH) geht zurzeit von rund 2.400 blinden Menschen (Stand: Juni 2018) in der Hansestadt aus. Diese Zahl ergibt sich aus der Anzahl der Empfänger vom Landes­blindengeld. Eine wahrscheinlich geringe Zahl blinder Menschen, die die Leistung nicht beantragt haben, stellt eine mögliche Dunkelziffer dar. Noch ungenauer sind die Annahmen über die Zahl der seh­behinderten Menschen. Der BSVH geht von mehr als 40.000 seh­behinderten Menschen in Hamburg aus.

Häufigkeit Blindheit/Seh­behinderung in Deutsch­land (nach DDR-Zahlen)

Das Ministerium für Gesundheit der DDR veröffentlichte jährlich Zahlen auf Basis der Statistik der Blindengeld­empfänger. Blinde Menschen, die kein Blindengeld beantragt hatten, wurden von dieser Statistik nicht erfasst, es blieb also eine Dunkelziffer.

Nach der Wieder­vereinigung wurden die DDR-Zahlen per Dreisatz auf ganz Deutschland hochgerechnet. Die Zahl der Sehbehinderten wurde per Multiplikation ermittelt - auf Basis des Erfahrungswertes, dass auf drei blinde ca. zehn sehbehinderte Menschen kommen. So entstanden folgende Zahlen: In Deutschland leben ca. 150.000 blinde Menschen und ca. 500.000 sehbehinderte Menschen.

Häufigkeit Blindheit/Seh­behinderung (nach WHO-Zahlen)

In Dänemark, Finnland, Großbritannien, Irland, Island, Italien und den Niederlanden werden blinde und sehbehinderte Menschen gezählt. Die World Health Organization (WHO) wertete Erhebungen dieser Länder bezogen auf das Jahr 2002 aus und kam zu erstaunlichen Ergebnissen, die 2004 veröffentlicht wurden (Resnikoff et al.: Global Data on visual impairment in the year 2002).

Laut WHO hat sich in den genannten Ländern von 1990 bis 2002 die Zahl der Sehbehinderten um 80 Prozent gesteigert, eine ähnliche Entwicklung muss auch für Deutschland angenommen werden. Hintergrund ist das Phänomen "Alternde Gesellschaft" verbunden mit einer steigenden Lebens­erwartung.

Prof. Bernd Bertram hat die WHO-Zahlen ausgewertet und Rückschlüsse auf die Situation in Deutschland gezogen. Demnach gab es im Jahr 2002 in Deutschland ca. 1,2 Millionen sehbehinderte und blinde Menschen (Prof. Bernd Bertram: Blindheit und Sehbehinderung in Deutschland: Ursachen und Häufigkeiten, veröffentlicht in "Der Augenarzt", 39. Jahrgang, 6. Heft, Dezember 2005).

Weil die WHO Blindheit und Sehbehinderung anders kategorisiert als das deutsche Recht (nämlich in WHO-Grad 1-5, statt wie oben), ist nur diese Gesamtzahl auf deutsche Verhältnisse übertragbar.

Definitionen nach deutschem Recht:

Ein Mensch ist sehbehindert, wenn er auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr als 30 Prozent von dem sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft erkennt. (Sehrest = 30 %)

Ein Mensch ist hochgradig sehbehindert, wenn er auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr als 5 % von dem sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft erkennt. (Sehrest = 5 %)

Ein Mensch ist blind, wenn er auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr als 2 % von dem sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft erkennt. (Sehrest = 2 %)

Was bedeutet beispielsweise ein Sehrest von weniger als 5 %? Die verschiedenen Augen­erkrankungen wirken sich extrem unterschiedlich aus (Beispiele finden Sie im Sehbehinderungs-Simulator des ABSV). Ein Sehrest von weniger als 5 % kann bedeuten, dass ein Mensch einen Gegenstand erst aus 5 m Entfernung erkennt, den ein normal sehender Mensch bereits aus 100 m Abstand erkennt. Ein Sehrest von weniger als 5 % kann aber auch bedeuten, dass ein Mensch (wie durch einen Tunnel) nur 5 % des normalen Gesichtsfeldes sieht.

Alterstruktur (Zentrum Bayern Familie und Soziales)

Die folgende Tabelle zeigt die Altersstruktur der bayrischen Blindengeld­empfänger. Quelle: Zentrum Bayern Familie und Soziales, Stand: Dezember 2007

Leistungs­berechtigte insgesamt 15.979 100 %
davon im Alter von 0 bis unter 6 83 0,5 %
davon im Alter von 6 bis unter 18 573 3,6 %
davon im Alter von 18 bis unter 40 1.640 10,3 %
davon im Alter von 40 bis unter 60 2.528 15,8 %
davon im Alter von 60 bis unter 65 719 4,5 %
davon im Alter von 65 bis unter 80 3.747 23,4 %
davon im Alter ab 80 6.689 41,9 %

Übrigens: Weil mit zunehmendem Alter auch die Blindheit signifikant zunimmt und weil Frauen in Deutschland eine höhere Lebenserwartung haben, liegt ihr Anteil unter den blinden Menschen bei ca. 60 Prozent.