111 Jahre Selbsthilfe in Hamburg

Eine historische Abbildung vom Holsteinischen Kamp 26. Am Gebäude hängt ein Transparent mit dem damaligen Vereinsnamen "Blindenverein Hamburg e.V. - Das Louis-Braille-Haus". Das Bild stammt aus dem jahr 1988

Foto: © BSVH

Warum Selbsthilfe – Die Vorgeschichte

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts lebten die meisten blinden Menschen als Bettler oder von der Fürsorge ihrer Angehörigen. Es gab zwar schon immer vereinzelte gebildete blinde Menschen, die seit der Antike regelrecht idealisiert wurden, der Masse der blinden Menschen hat dies jedoch lange Zeit wenig genützt. Blinde Kinder galten als bildungsunfähig. Das fing oft schon im Elternhaus an, im Schulalter hatten sie keinen Zugang zur Schulbildung und später keine Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen.

1784 begann Valentin Haüy in Paris die ersten blinden Jugendlichen zu unterrichten. Für dieses Experiment musste er werben, er hielt Vorträge und öffentliche Vorführungen. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden. Das lag sicher auch daran, dass in der Zeit der Aufklärung die Erziehung und Bildung des Individuums einen hohen Stellenwert hatte. Möglicherweise half auch die Popularität der blinden Pianistin Maria Theresia v. Paradies, die mit ihren Auftritten als blindes Mädchen und blinde Frau für viel Aufmerksamkeit und Erstaunen sorgte.
Haüys Schule überlebte nur einige Jahrzehnte, aber ihm gelang etwas anderes. Er schaffte es, die Idee der Blindenbildung in ganz Europa bekannt zu machen, 1830 gab es 23 Blindenschulen in Europa.

Blinde Kinder erhielten nun Allgemeinbildung und wurden in handwerklichen Fähigkeiten wie Stricken und Korbmachen ausgebildet. Das war ein großer Fortschritt im Vergleich zu der Situation der blinden Bettler und Kinder, die zu Hause vor sich hinvegetierten. Trotzdem waren sie weit davon entfernt, ein gleichberechtigtes Leben zu leben.

Zunächst einmal fehlte eine sinnvolle Blindenschrift. An den damals bestehenden Schulen wurde mit verschiedenen Schriften und Schreibhilfen herumexperimentiert, meist waren es Reliefschriften, die sich mehr oder weniger an der Schwarzschrift der Sehenden orientierte. Diese Schriften waren nur mühsam und zeitaufwendig zu lesen und noch mühsamer zu schreiben, die Texte nahmen extrem viel Platz ein, so dass nur eine sehr kleine Auswahl an Büchern übertragen wurde.
Kurzum: die blinden Menschen waren immer noch davon ausgeschlossen, sich in vollem Umfang Wissen und Literatur anzueignen und ihre eigenen Gedanken schriftlich zu hinterlegen.

Das war die Situation der blinden Schüler, als Louis Braille 1819 an das „Institut Royal des Jeunes Aveugles“ kam. Er entwickelt aus einer militärischen Nachtschrift eine sechs-Punkte-Schrift, das erste brauchbare Blindenschriftalphabet der Welt.
Diese Schrift war schneller zu lesen als die Reliefschriften und sie nahm weniger Platz ein, das heißt, es konnten mehr Bücher übertragen werden. Und es war die erste Schrift, die es blinden Menschen ermöglichte, selbst relativ schnell und unkompliziert zu schreiben.
Viele blinde Menschen erkannten sehr schnell die Vorteile dieser Schrift, trotzdem dauerte es noch 50 Jahre, bis sich diese Schrift als einheitliche Blindenschrift durchsetzte. Die Sehenden, allen voran die Blindenlehrer, wehrten sich lange gegen diese Schrift und argumentierten damit, dass sie nicht mit der Schrift der Sehenden übereinstimme und somit die blinden Menschen weiter ins Abseits dränge. 1879 wurde sie auf einem Blindenlehrer-Kongress in Berlin offiziell anerkannt. Bücher und Zeitschriften wurden in Punktschrift gedruckt, und durch die spätere Weiterentwicklung zur Kurzschrift konnte die Lesegeschwindigkeit weiter verbessert und der Umfang der Bücher verringert werden.

Dies sorgte für einen unglaublichen Entwicklungsschub in der Blindenbildung.
„Das, was Gutenberg für die Sehenden, ist Louis Braille für die Blinden.“ (Schöffler, Max: Der Blinde im Leben des Volkes, Leipzig, 1956, S.155)

Doch die Abhängigkeit von ihren Blindenlehrern blieb vorerst weiter bestehen. Blinde Menschen hatten nun zwar Zugang zu Bildung, sie konnten in einigen, wenigen Berufen arbeiten, aber, wie ihre Lehrer erkannten: Im Wettbewerb mit sehenden waren sie oft genug im Nachteil. Es entstand eine „Fürsorge für die Blinden von der Wiege bis zum Grabe“, so der Titel eines Buches, das M. Pablasek 1867 veröffentlichte. Wie diese Fürsorge auszusehen hätte, wurde allerdings schon kontrovers diskutiert.
Es gab zum einen die Position, dass blinde Menschen auch im Erwachsenenalter mehrheitlich nicht in der Lage seien, ihr Leben eigenverantwortlich und moralisch zu gestalten. Der Leiter des Blindeninstituts Braunschweig begründete dies folgendermaßen:
„Jedes Land, in welchem seit längerer Zeit eine Blindenunterrichtsanstalt ist, hat zur Genüge Beispiele aufzuweisen, dass brav und tüchtig aus der Anstalt getretenen Blinde nach einigen Jahren in einem mehr oder minder demoralisirten Zustande wiederum Aufnahme in die Anstalt heischten, welche bei dem derzeitigen Stande derselben unthunlich war“ (Lachmann, nach Pablasek: Fürsorge für die Blinden von der Wiege bis zum Grabe, Wien, 1867, S.67)

Diese Position blieb schon damals nicht unwidersprochen, es wurde kritisiert, dass Menschen in den Versorgungsanstalten von der Welt abgeschottet würden. Tatsächlich lehnten viele blinde Erwachsene diese Form der Unterstützung ab. Andere Blindenschuldirektoren empfahlen deshalb eine Familienunterbringung oder „gebildete Menschenfreunde“, die die blinden Menschen unterstützen sollten.

Blindenfürsorge hieß: Sehende kümmerten sich nicht nur um blinde Kinder, sondern auch um blinde Erwachsene, wussten, was für sie gut war und regelten ihre Belange. Dazu passte, dass die seit 1873 stattfindenden Blindenlehrerkongresse jahrelang ohne blinde Menschen stattfanden.
Diese Entmündigung und daraus entstehende Abhängigkeit sorgten zunehmend für Unzufriedenheit. In Hamburg entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwei Vereine, die dem etwas entgegensetzen wollten.

1872 gründeten blinde Handwerker eine Blindengenossenschaft, um unabhängig von der Versorgung der Hamburger Blindenanstalt zu werden.

1880 schrieb der Hamburger Johannes Nathan blinde Menschen aus dem gesamten deutschen Sprachraum an und gründete den „Verein der deutschredenden Blinden“. Seine Ziele waren die Pflege der Blindenkurzschrift, aber er verstand den Verein auch als gemeinsame Interessenvertretung und wollte deshalb den Kontakt untereinander fördern.

Knapp 30 Jahre später, am 4. Januar 1909, dem 100. Geburtstag von Louis Braille, gründeten einige blinde Männer den „Verein der Blinden von Hamburg und Umgegend“. Es war eine Gründung im kleinen Rahmen und ohne Öffentlichkeit. Doch in den nächsten Jahren veränderten sie viel für die blinden Menschen in der Stadt.