Shared Space in Hamburg: Infos und Hintergründe

Im Februar 2011 fanden in Hamburg vorgezogene Bürgerschaftswahlen statt. Aus ihnen ging die SPD mit absoluter Mehrheit hervor. Für den sozialdemokratischen Senat liegt die Priorität im Straßenbau zukünftig auf der Bestandserhaltung. Das Modellvorhaben Gemeinschaftsstraßen wird unter diesen Rahmenbedingungen in der Hansestadt nicht weitergeführt.

In Hamburg sollen in den nächsten Jahren in allen sieben Bezirken sogenannte Gemeinschaftsstraßen nach dem Modell Shared Space entstehen. So will es der schwarz-grüne Senat der Hansestadt. Viele sehbehinderte und blinde Menschen sind verunsichert und fragen sich, ob sie einen Verkehrsraum noch selbstständig nutzen können, in dem keine Ampeln und Verkehrsschilder vorhanden sind. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) möchte auf dieser Seite zum Thema informieren und weiterführende Links zur Verfügung stellen.

Stadtentwicklungsbehörde: Diese Flächen werden Shared Space

Am 12. Februar 2010 hat die Stadtentwicklungsbehörde bekannt gegeben, welche Flächen zumindest teilweise zu so genannten Gemeinschaftsstraßen umgebaut werden solllen. Es sind:

  • die Lange Reihe in St. Georg
  • die Osterstraße in Eimsbüttel
  • die Bahrenfelder Straße in Ottensen
  • der Weidenbaumsweg in Bergedorf
  • die Tangstedter Landstraße in Langenhorn

Der Bezirk Wandsbek hat auf einen Shared Space verzichtet. In Harburg konnten sich die Entscheidungsträger bisher auf keinen Vorschlag einigen.

Definition: Shared Space bei Wikipedia

Das Online-Lexikon Wikipedia definiert Shared Space wie folgt:

Shared Space, übersetzt etwa "gemeinsam genutzter Raum", bezeichnet eine Verkehrsphilosophie, nach der vom Verkehr dominierter öffentlicher Straßenraum lebenswerter, sicherer sowie im Verkehrsfluss verbessert werden soll. Charakteristisch ist dabei das Fehlen von Verkehrszeichen, Signalanlagen und Fahrbahnmarkierungen und die Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer, während unter anderem die Vorfahrtsregel weiterhin Gültigkeit besitzt. Das Verkehrskonzept wurde federführend vom Niederländer Hans Monderman in den 1990er Jahren entwickelt und findet heute weltweit Anwendung.

Weiter heißt es bei Wikipedia:

Die Umsetzung eines Shared Space ist insbesondere für die "schwachen" Verkehrsgruppen der Blinden, Rollstuhlfahrer, Gehörlosen, Kinder und älteren Menschen mehr oder weniger problematisch. Im integrierten Planungsprozess des Shared Space müssen deren Interessen von Beginn an berücksichtigt werden. Besonders in ihrer Sinneswahrnehmung eingeschränkte Menschen fühlen sich ohne regelnde Orientierungshilfen unsicher und werden womöglich vom öffentlichen Leben ausgeschlossen.

Den vollständigen Eintrag finden Sie unter folgendem Link: de.wikipedia.org/wiki/Shared_Space

DBSV: Erhöhte Gefahr für blinde und sehbehinderte Verkehrsteilnehmer

Der BSVH unterstützt den Beschluss des Verwaltungsrates des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) vom Mai 2009. Er lautet:

Der Verwaltungsrat des DBSV hat sich auf seiner Sitzung am 09. Mai 2009 in Mainz wegen der mit der verkehrstechnischen Lösung Shared Space verbundenen erhöhten Gefahr für blinde und sehbehinderte Verkehrsteilnehmer entschieden gegen die Einführung von Shared Space Bereichen in deutschen Kommunen ausgesprochen, weil:
  • Orientierung und Sicherheit für blinde und sehbehinderte Menschen in diesen Arealen grundsätzlich nicht gewährleistet sind;
  • die Fahrbahn weder visuell noch taktil erfassbar ist;
  • Bordsteinkanten als Orientierungshilfe fehlen;
  • die Aufnahme von Blickkontakt zu anderen Verkehrsteilnehmern nicht möglich ist;
  • das Halten und Parken der Kraftfahrzeuge in diesen Bereichen nicht geregelt ist;
  • eine Geschwindigkeitsbeschränkung für diese Bereiche nicht gesetzlich festgelegt ist;
  • Leitlinien und Aufmerksamkeitsfelder in diesen Bereichen keine Verkehrszeichen im Sinne der StVO darstellen.
Sollten Kommunen trotz aller Hinweise der regionalen blinden- und sehbehinderten Vereine dennoch derartige Shared Space Bereiche einführen wollen, empfiehlt der DBSV-Verwaltungsrat folgendes: Der GFUV wird beauftragt, das derzeit veröffentlichte "Anforderungsprofil zur blinden- und sehbehindertengerechten Ausgestaltung von Mischverkehrsflächen nach dem Konzept "Shared Space" bis Mitte Juni 2009 a) um Elemente des in der Schweiz existierenden Modells von Begegnungszonen wie visuelle und taktile Erkennbarkeit der Fahrbahn, Vorrang von Fußgängern vor Kraftfahrzeugen, Markierung der Begegnungszone sowie 20 km/h als Höchstgeschwindigkeit 20 km/h zu ergänzen und b) Erfahrungen und aktuelle Erkenntnisse aus Bohmte in diesen Katalog einzuarbeiten und als Rundschreiben sowie auf der DBSV-Homepage zu veröffentlichen. Die im fortgeschriebenen Anforderungskatalog des GFUV beschriebenen Grundsätze für Lösungsansätze sind in die Gespräche mit Vertretern der Kommunen als conditio sine qua non und Grundforderungen der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe einzubringen. Die Gegebenheiten und Voraussetzungen vor Ort sind jeweils sehr unterschiedlich, daher müssen auch immer Einzellösungen im Sinne des überarbeiteten Anforderungskatalogs gemeinsam mit den kommunalen Vertretern gesucht werden.

Unfallforschung: Aus Sicht der Verkehrssicherheit gescheitert

Auch die Unfallversicherer haben große Bedenken gegen die unterschiedlichen Konzepte, die unter dem Namen Shared Space firmieren. Auf ihrer Homepage heißt es u.a.:

In Bohmte, dem einzigen EU-Modellprojekt zu Shared Space in Deutschland, zeichnet sich bereits einige Monate nach Fertigstellung der Umgestaltung sogar eher eine Verschlechterung ab. Alleine in den ersten 11 Monaten nach dem Umbau geschahen hier 16 Unfälle, davon zwei mit leicht verletzten Personen. Das stellte eine deutliche Steigerung zu den Vorjahren dar, in denen sich hier lediglich 5 bis 11 Unfälle je Jahr ereigneten. Besonders Besorgniserregend ist, dass sich in 11 Monaten bereits 3 Unfälle mit Beteiligung von Radfahrern ereignet haben. In den vier Jahren vor der Umgestaltung gab es insgesamt nur 4 Radverkehrsunfälle. Eine Verbesserung ist lediglich im Bereich der zur kreisverkehrsartigen Platzfäche umgestalteten Einmündung zu erkennen. Dies liegt aber weniger an Shared Space sondern vielmehr daran, dass Kreisverkehre allgemein ein geringeres und weniger schweres Unfallgeschehen haben als Kreuzungen mit Ampeln. Sollte sich der Trend fortsetzen, müsste Shared Space in Bohmte aus Sicht der Verkehrssicherheit als gescheitert angesehen werden. (...) Die UDV sieht die Gefahr, dass die derzeitige undifferenzierte Diskussion dazu führen könnte, dass öffentlichkeitswirksam von politischer Seite nach Shared Space verlangt wird, ohne dass den Verantwortlichen bewusst ist, was Shared Space eigentlich bedeutet. Die Leidtragenden könnten die schwächeren Verkehrsteilnehmer sein, insbesondere Kinder, Senioren und Sehbehinderte, die auf gesicherte und deutlich erkennbare Verkehrsführungen angewiesen sind. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) tritt daher dafür ein, die weitgehend emotional geführte Diskussion auf eine sachliche und fundierte Grundlage zu stellen. Dazu ist eine einheitliche Definition von Shared Space erforderlich.

Den vollständigen Text finden Sie unter folgendem Link: www.udv.de/verkehrsinfrastruktur/planung-entwurf-betrieb/shared-space/

Gutachten: Müssen nicht zu einer Einschränkung der Mobilität führen

Im Koalitionsvertrag haben CDU und GAL festgelegt, dass in Hamburg sieben Shared-Space-Flächen entstehen sollen. Die Stadt Hamburg hat daraufhin ein Gutachten zu Shared Space in der Großstadt in Auftrag gegeben, das die Grundlage für die Gemeinschaftsstraßen in der Hansestadt bilden soll. Darin heißt es:

Blinde und Sehbehinderte haben Vorbehalte gegen Shared Space-Projekte, weil sie außerstande sind, diejenige zwischenmenschliche Kommunikation zu üben, die in Shared Spaces gerade das Miteinander der Verkehrsteilnehmer/innen prägen soll. Sie fühlen sich insbesondere dann unwohl, wenn taktile und kontraststarke Leitlinien fehlen und wenn sie ohne Lichtsignalanlagen und ohne Möglichkeit der akustischen Wahrnehmung von Lücken im Verkehr eine Straße queren müssen. Teilweise werden daher Bedenken geäußert, Shared Space-Projekte könnten Blinde und Sehbehinderte in ihrer Mobilität einschränken. Auf taktil und optisch deutliche, linienhafte Elemente muss indessen auch in Shared Spaces nicht verzichtet werden. (...) Wenn Seitenräume bleiben, lassen sich auf diesen die von Blinden und Sehbehinderten gewünschten Elemente gut platzieren. Auch für die Querungsproblematik lassen sich bauliche Lösungen finden, die eine detaillierte Vorfahrtregelung und Furtmarkierung entbehrlich machen. Insbesondere mit Gehwegüberfahrten lassen sich an geeigneten Stellen verkehrsrechtlich eindeutige Situationen auch innerhalb von Shared Spaces ohne zusätzliche Schilder schaffen (§ 10 StVO [56]). Bei vorgezogenen Gehwegnasen und damit verkürzten Räumwegen und -zeiten lassen sich zudem Bedingungen schaffen, die hinsichtlich objektiver und subjektiver Sicherheit anderen Lösungen nicht nachstehen. Shared Spaces müssen daher nicht zu einer Einschränkung der Mobilität von Blinden und Sehbehinderten führen. Verfassungsrechtlich bedenklich wären allerdings konkrete Ausgestaltungen, die im Ergebnis dazu führen, dass sich diese Bevölkerungsgruppe fortan nicht mehr aus dem Haus traut. Verfassungsrechtliche Bedenken bestehen daher auch unter dem besonderen Blickwinkel der Blinden und Sehbehinderten nur gegen schlecht ausgeführte Shared Spaces, nicht aber gegen Shared Space-Projekte schlechthin.

Das vollständige Gutachten kann unter folgendem Link heruntergeladen werden: www.hamburg.de/start-gemeinschaftsstrassen

GAL: sichere Teilhabe aller Menschen im Straßenraum

Im Interview nimmt Martin Rosenkranz, zuständiger Referent der Grün-Alternativen Liste (GAL), Stellung. Das Interview führte Robbie Sandberg von der BSVH-Radiogruppe.

BSVH: Gibt es einen Zeitplan für die Einführung von Shared Space?

Martin Rosenkranz: Einen genauen Zeitplan gibt es nicht, lediglich wurde im Koalitionsvertrag festgelegt: "In jedem Bezirk soll ein Shared-Space-Projekt umgesetzt werden. Die Bezirke sind daher aufgefordert, geeignete Verkehrsflächen vorzuschlagen." Im letzten Sommer wurde auf Initiative der BSU ein Gutachten in Auftrag gegeben, welches Kriterien zur Umsetzung von Shared Space aufgestellt hat. Das Gutachten dient zur Identifizierung von Straßen in denen Shared Space möglich ist. Aufgrund dieser Einschätzung, unterstützt von den Tiefbauämtern der Bezirke, beschließt die jeweilige Bezirksversammlung mögliche Shared Space Projekte. In einem weiteren Schritt werden dann diese Vorschläge von der BSU geprüft und freigegeben. Danach können dann die Workshops mit den Anwohnern stattfinden und der Prozess der Bürgerbeteiligung nimmt seinen konstruktiven Lauf. Da jedes Shared Space Projekt Individuell ist und an den örtlichen Gegebenheiten orientiert, muss auch zwingend ein Bürgerbeteiligungsverfahren gemacht werden um die unterschiedlichen Anforderungen umzusetzen.

BSVH: Soll die Höchstgeschwindigkeit des motorisierten Individualverkehrs in allen geplanten Shared Space Zonen auf 30 KMH reduziert werden?

Martin Rosenkranz: Nein, aber es gilt die gegenseitige Rücksichtnahme. Die Shared Space Projekte sind so gestaltet, dass ein zu schnelles Befahren ausgeschlossen werden kann. Sinn und Zweck von Shared Space ist es, den Verzicht auf jegliche Schilder umzusetzen, dazu gehören auch die Temposchilder.

BSVH: Ist geplant, Anwohner und Einzelhändler im voraus nach ihrer Meinung zu fragen?

Martin Rosenkranz: Ja, in verschiedenen Bürgerbeteiligungsworkshops soll ein Konsens von allen Beteiligten, also Bürgerinnen und Bürgern, Einzelhandel und Vertretern öffentlicher Belange erreicht werden. Durch diese Einbindung und den gemeinsam erarbeiteten Kompromiss profitieren alle Beteiligten.

BSVH: Konsultieren Sie während der Planungsfase bestimmte Interessengruppen, wie Behinderte und Senioren, um deren Bedürfnisse, bzw. Bedenken zu berücksichtigen?

Martin Rosenkranz: Auch die jeweiligen Interessensverbände sind aufgefordert an diesen Workshops teilzunehmen und dort die jeweiligen Ansichten, Bedürfnisse und Bedenken mit einzubringen. Durch eine konstruktive Diskussion aller Beteiligten soll am Ende ein kreativ geplanter Straßenraum entstehen, in dem sich alle Bevölkerungsgruppen sicher bewegen können. Shared Space will keinen ausgrenzen, sondern ist das Bemühen, allen die gleichen Rechte zukommen zulassen.

BSVH: Werden bei der Planung die Bedürfnisse blinder Verkehrsteilnehmer bedacht,, für die Orientierungshilfen, wie Bordsteinkanten und Ampelfasen wegfallen?

Martin Rosenkranz: Natürlich werden auch die Bedürfnisse blinder- und sehbehinderter Menschen mit bedacht und berücksichtigt. Dies erfolgt natürlich schon in der Grundplanung und dann in den Workshops vor Ort. Die Orientierungshilfen werden sich an den Erfahrungen aus schon vorhandenen Shared Space Projekten anlehnen. Die Stadt Bohmte hat taktile Führungspflastersteine entlang der gedachten Fahrbahnlinie eingelassen und Querungspunkte in einem gleichbleibenden Abstand gesetzt. Dieses ist eine Möglichkeit, stellt aber sicherlich noch nicht das Optimum dar. Wir wissen, dass der DBSV den Shared Space Projekten sehr kritisch gegenübersteht. Allerdings gibt der Verband auch sinnvolle Hinweise für die Umsetzung und diese gilt es zu beachten. Denn unser Ziel ist die sichere Teilhabe aller Menschen im Straßenraum.