Louis-Braille-Festival der Begegnung lockte 1.600 Besucher nach Hannover

01.09.2009 (Kommentare: 0)

"So viel Fröhlichkeit und Offenheit erlebt man selten" - "Es war eine super Stimmung!" - "Einfach toll, dabei zu sein": Solche Stimmen waren am vergangenen Wochenende in Hannover oft zu hören. Dort wurde von Freitag bis Sonntag das Louis Braille Festival der Begegnung gefeiert. Etwa 1.600 Menschen - nicht nur Blinde und Sehbehinderte, sondern auch deren Freunde und Angehörige, neugierige Hannoveraner sowie Pressevertreter und politische Prominenz - waren der Einladung des DBSV und BVN (Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen) gefolgt. "Wir freuen uns, dass wir so viele Menschen mobilisieren konnten", sagte DBSV-Präsidentin Renate Reymann am Ende der Veranstaltung. "Sie haben dieses Festival zu einem vollen Erfolg gemacht - und zu einem Ort gelebter Begegnung."

279. und letzte Lesung im Rahmen der Tour de Braille

Höhepunkt der dreitägigen Veranstaltung war der Abschluss der Tour de Braille am Samstagabend: Der Schauspieler Mario Adorf und der Hörbuchsprecher Reiner Unglaub trafen aufeinander, um Texte von Kurt Tucholsky zu lesen. Der eine hatte Schwarzschrift unter den Augen, der andere Punktschrift unter den Fingern. Es war ein Hörgenuss der Extraklasse. Zu erleben waren zwei Profis, die alles gaben, die sich an der Darbietung des jeweils anderen erfreuten, sich anspornten und beklatschten und ebenso wie das Publikum ihren Spaß dabei hatten.

Zuvor hatte Mario Adorf aus den Händen von Renate Reymann den Ehrenpreis der Jury des Deutschen Hörfilmpreises erhalten. Damit dankte ihm der Verband für seinen sechsjährigen Einsatz als Schirmherr des Deutschen Hörfilmpreises. Ausgezeichnet wurden auch mehrere Akteure der Tour de Braille, die für ganz besondere Highlights im Rahmen des Lesemarathons gesorgt hatten, sei es mit einer "Langen Nacht der sechs Punkte" im Radio, einer braillegeführten Stadtrundfahrt in der Straßenbahn oder einer Konzerttour, die auf die Bedeutung der Braille-Notenschrift aufmerksam machte.

Musikalischer Top Act: Joana Zimmer

Fragte man die Festivalbesucher, was sie nach Hannover gelockt hat, so fiel ein Name besonders häufig: Joana Zimmer. Und so lag ein freudig erwartungsvolles Kribbeln in der Luft, als die blinde Sängerin am Samstagnachmittag die Bühne betrat. Sie präsentierte einen Querschnitt ihres Repertoires - von frühen Songs aus ihrer Jazzclubzeit bis zu ganz aktuellen Titeln, die sie beim Louis Braille Festival erstmals vor Publikum sang. Dabei durfte ihr größter Hit "I believe" natürlich nicht fehlen. Wer noch kein Fan war, ist es jetzt. Zumal Joana Zimmer sich als überzeugte Verfechterin der Punktschrift zu erkennen gab: "Louis Braille ist für mich ein absoluter Held!"

Gemeinschaftsgefühl beim Musical

Bereits am Freitagabend kam zum ersten Mal das Gemeinschaftsgefühl auf, das die drei Festivaltage prägen sollte. Das Musical "Stärker als die Dunkelheit" erzählt eine Geschichte vom Anfang des 19. Jahrhunderts: Krauter, ein blinder Junge, hat Glück im Unglück, als er zwar seinen Handlangerjob in der Fabrik verliert, aber in die neu gegründete Blindenschule aufgenommen wird. Sein Kampf gegen die Vorurteile der Sehenden, aber auch gegen die eigene Angst war den Zuschauern vertraut. "Ein Fachpublikum", lobten Regisseur und Darsteller anschließend. "Es wurde an den richtigen Stellen gelacht. Die Leute wissen eben, worum es geht und fühlen sich verstanden."

"Mittendrin statt nur dabei"

Gelegenheiten, sich zu überwinden und Neues auszuprobieren, gab es auch für die Besucher genug: Ob beim Hörmemory oder Tastbingo, beim Tischball oder an der Kletterwand, beim Specksteinschnitzen oder Schießen, auf dem Musikbett im Snoezelenraum oder beim Länderquiz. Acht Mannschaften traten beim "Spiel ohne Grenzen" gegeneinander an und hatten jede Menge Spaß beim Tauziehen, Säfteschmecken, Geräuscheraten oder Wassereimerschleppen. Mit viel Liebe und Fantasie hatten die Landesvereine und weitere Einrichtungen des Blinden- und Sehbehindertenwesens ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine gestellt, um Neugierige anzusprechen und mitzunehmen. Und das konnten die Besucher umso besser genießen, als etwa 100 ehrenamtliche Helfer auf dem Gelände unterwegs waren, um jeden an sein Ziel zu bringen. "Alle sind so freundlich und offen", freute sich einer. "Man kriegt hier alle Unterstützung, die man braucht." Und ein anderer erklärte die fröhliche und gelöste Stimmung mit einer ganz einfachen Erkenntnis: "Man ist hier ganz normal!"

Festival mit Signalwirkung nach innen und außen

Nach drei Tagen Festivalmarathon gab Hans-Werner Lange, Geschäftsführer des BVN und Vizepräsident des DBSV, gerne zu, dass er auch erleichtert ist: "Für uns als gastgebenden Landesverein war das eine riesige Herausforderung. Es macht uns schon ein wenig stolz, dass alles geklappt hat. Und die gute Stimmung ist der beste Beweis dafür, dass wir mit dem Programm richtig gelegen haben." Es war ein Festival mit Signalwirkung, mit einer Botschaft, die nach innen wie nach außen wirkt. "Gemeinschaft macht stark. Das haben wir an diesem Wochenende erleben können", sagte Renate Reymann. "Und gleichzeitig haben wir nicht nur uns, sondern auch der sehenden Welt gezeigt, was wir an Kunst und Kultur auf die Beine stellen können. Ich bin mir sicher, dass viele unserer Besucher ein Stück selbstbewusster nach Hause gefahren sind." Und sie ist so begeistert, dass sie sich eine Fortsetzung des Festivals durchaus vorstellen kann. Vielleicht 2012, wenn es wieder etwas zu feiern gibt: das hundertjährige Jubiläum des DBSV.

(Quelle: DBSV-Direkt Nr. 40/09)

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