Frischer Waldgeruch und Flugzeuglärm

03.09.2007 (Kommentare: 0)

Heiko Kunert (31, blind) fuhr die 1. Tour der bundesweiten Tandem-Woche mit. Hier sein Erfahrungsbericht als Copilot auf dem Rücksitz eines Tandems

Mit meinem weißen Blindenstock taste ich mich, noch etwas müde - es ist Sonntag, 9.30 Uhr - über den Bahnsteig in Pinneberg. Ich höre andere Blindenstöcke klappern. "Möchtest Du auch zur Weißen Speiche?", fragt mich ein Mann mit klarer Stimme. Ich schätze ihn auf 45. "Ich bin Rainer." Nach einer kurzen Fahrt mit dem Kleinbus führt mich dann Anke auf den Vereinsplatz der Weißen Speiche. Ich höre viele Stimmen, Lachen und ein lautes Zischen. Ah, denke ich, ein Kompressor, also werden die Reifen schon aufgepumpt.

Eine laute Stimme erhebt sich: "Herzlich willkommen. Ich les schon mal die Tandem-Verteilung vor!", ruft Ernst Ullrich Staniullo. "Ist Heiko Kunert hier?", fragt der selbst blinde Tourenwart des Tandemclubs. "Ja, hier", rufe ich. "Du fährst mit Thomas Westphalen", sagt Staniullo, bevor er weitere Namenspärchen verliest.

Ein Mann kommt zügig auf mich zu. "Ich bin Thomas", sagt er mit einer ruhigen und trotzdem kräftigen Stimme. "Komm, wir gehen schon mal zu unserem Tandem", sagt er bestimmt. Endlich ist das doch etwas angespannte Warten vorbei. Thomas ist also auf dem Tandem mein Pilot, sitzt vorn und wird lenken, ihm muss ich vertrauen. "Ich hatte bisher keinen Unfall", berichtet er. "Ich kann Dir aber keine absolute Sicherheit versprechen. Es kann immer mal was passieren." Gerade seine Ehrlichkeit macht ihn vertrauenswürdig. Ich bin der Copilot und sitze hinten. Thomas stellt meinen Sattel ein, und wir drehen eine Proberunde. Es klappt auf Anhieb. Thomas fährt seit zehn Jahren für den Tandemclub, das beseitigt meine letzte Nervosität. Jetzt freue ich mich auf die Tour, auf die Bewegung, auf die frische Luft und gut 50 Kilometer Radeln durch Hamburg und das Umland.

Zunächst geht es durch Pinneberg, am Bahnhof vorbei, in ein Parkgelände. Ich spüre, wie der Untergrund weicher wird. Wir radeln Richtung Halstenbek. Thomas fragt, ob er mir die Umgebung beschreiben soll. Mir reicht es, gelegentlich einige Stichworte zu bekommen. Ich genieße es, die Umwelt mit meinen Sinnen wahrzunehmen: Ich rieche die Frische des Krupunder Sees, ich höre, wie sich Eidelstedts Häuser neben mir erheben, Ich spüre die kühlen Schatten der Bäume im Niendorfer Gehege und höre das Rauschen in den Baumkronen. Ich spüre wie die Räder in den durchnässten Waldboden einsinken.

Thomas sagt mir hin und wieder, wo wir uns gerade befinden. Ansonsten plaudern wir über Gott und die Welt, wie es halt ist, wenn sich Menschen kennen lernen, die das gleiche Hobby teilen. Dass er sehen kann und ich blind bin, scheint schnell keine Rolle mehr zu spielen. Mal ruft Thomas seinen Freunden von der Weißen Speiche einen Witz zu, mal sprechen uns bayerische Mitfahrer an und haben eine Frage zu Hamburg, mal rauschen wir einfach so wortlos durch die Feldmark und genießen die frische Luft, die Sonne auf unserer Haut, die Bewegung.

Ich vergesse, dass wir durch eine Millionenstadt radeln, so grün und ruhig ist die Strecke, die Hartmut Bergmann von der Weißen Speiche ausgewählt hat. Erst als die Flugzeugturbinen aus Fuhlsbüttel hörbar werden, bin ich zurück in der Stadt. Ich freue mich, in Hamburg zu leben. Die Starts und Landungen werden immer lauter. Wir fahren an einer Startbahn vorbei. Ich bin überrascht, wie viele Flugzeuge in Hamburg abheben.

Plötzlich ruft Bergmann: "Halbe Stunde Pause. Um 13.00 Uhr geht es weiter!"Zwei Stunden sind wir jetzt schon geradelt. Kaum zu glauben. Die Zeit verging wie im Flug. Während neben uns Geschäftsleute nach Frankfurt und Touristen nach Mallorca abheben, genießen wir unseren Kaffee, unser Brot, unseren Schokoriegel in der Sonne. Morgens hatte der Wetterbericht noch etwas von Starkregen erzählt. Die Regenjacke kann aber bis zum Schluss der Tour im Rucksack bleiben.

Die Pause zieht sich. Einen Reifen hat es erwischt. "Wir müssen auf Ludwig warten", verkündet Staniullo den über 50 Mitfahrern. Ludwig ist heut der sog. "Trekki". Er begleitet die Fahrer mit dem Shuttle-Bus und dem Tandem-Anhänger. Weitere Schäden gibt es aber nicht mehr. Und auch die Fahrer scheinen alle genügend Kondition mitgebracht zu haben: bis auf einen kleinen Wadenkrampf, geschieht nichts.Im Gegenteil: Ich fühl mich von Kilometer zu Kilometer frischer. Von Müdigkeit keine Spur. Ohemoor, Bönningstedt, Wulfsmühle, Hohenraden. Die Namen rauschen nur so an mir vorbei. Zeit spielt keine Rolle. Immer mal wieder ein flapsiger Scherz zwischen Thomas und mir. Hin und wieder fragt mich eine Stimme von einem anderen Tandem, ob mir die Tour Spaß macht. "Ja, viel Spaß", sage ich ehrlich und bin sogar ein Bisschen traurig, als wir nach einer letzten Steigung wieder das Vereinsgelände der Weißen Speiche erreichen. Aber ich bin auch stolz darauf, dass alles so gut geklappt hat, und ich freu mich über den abwechslungsreichen und gesunden Tag. Und das Chili Con Carne, das schon bereit steht, hab ich mir wirklich verdient.

Die Tandem-Woche ist noch bis zum 8. September rund um Hamburg unterwegs. Sie wird gemeinsam vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV), dem Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg e.V. und dem Tandemclub Weiße Speiche Hamburg e.V. durchgeführt. Mehr Informationen zur Tandem-Woche erhalten Sie von Heiko Kunert (BSVH), und Ernst Ullrich Staniullo (Weiße Speiche), aber der ist jeden Tag per Tandem unterwegs.

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