Wie in einem Film der 30er Jahre

14.04.2008 (Kommentare: 0)

Blinde und sehbehinderte Hamburger besichtigen ein Museumsschiff. Heiko Kunert berichtet über den Erlebnistag am 13. April. Der 31 Jährige ist vollblind. Veranstalter des Erlebnistages waren der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg und Dampf-Eisbrecher Stettin e.V.

"Sie können gleich ein 75 Jahre altes Schiff im Originalzustand ertasten", sagt Dr. Olaf Koglin zur Begrüßung. Ich bin einer von rund 50 Besuchern. Blinde und sehbehinderte Menschen erleben Geschichte zum Anfassen. Am Anfang ist das Modell. Koglin, Vorsitzender von Dampf-Eisbrecher Stettin, hat es in Heimarbeit für diesen Tag geschnitzt. Am Modell wird die besondere Eisbrecher-Form erfahrbar und der Aufbau des Schiffes. Jetzt will ich aber das Original berühren, erlauschen, will wissen, wie es auf einem so alten Schiff riecht.

In Kleingruppen geht es von Etappe zu Etappe - auf die Brücke, in den Maschinenraum, zu den Kohleöfen. Häufig hört man: "Vorsicht hohe Stufe", "Achtung, Stahlträger von oben", "die Treppe ist eng und steil". An jeder Station ist ein Ehrenamtler des Eisbrecher-Vereins und erzählt über Geschichte und Funktion des Schiffes. Auf der Brücke riecht es frisch gestrichen. Grund sind Renovierungsarbeiten an den Fenstern. Ich bediene den schweren Hebel des Maschinen-Telegraphen. Das bleibt sonst dem Kapitän vorbehalten. Und Kapitäne gibt es immer noch auf dem Museumsschiff. Die Stettin ist das größte, noch seegehende, Kohle-gefeuerte Dampfschiff der Welt. Heute liegen wir allerdings im Museumshafen Hamburg-Oevelgönne. Wenn tausende Kilo Kohle in den Öfen glühen und 48.000 Liter Wasser zu Dampf werden, ist das Anfassen nicht möglich.

Von der Brücke geht es immer weiter ins Innere des Schiffes hinab. Während Besucher mit Sehrest schwindelig werden, stört mich die Höhe nicht. Ich bin vollauf damit beschäftigt, die riesige Seilwinde zu ertasten, mit meinem Blindenstock die Umrisse der riesigen Dampfkessel zu erahnen. Als ich im Maschinenraum über das Sprachrohr mit der Brücke spreche, fühle ich mich wie in einem Film der 30er Jahre. Und ganz unten sind die riesigen Öfen. Alles ist staubig. Dass die Finger schwarz werden, nehme ich gern in kauf. Wann hab ich schon einmal die Chance, so unmittelbar Geschichte zu begreifen? Die Kohleöfen fühlen sich wie riesige Backöfen an. Die meterlangen Metallhaken, mit denen noch heut freiwillige Heizer Asche und Kohle kehren, geben mir eine Ahnung von der Härte der Arbeit.

Die Stettin ist 1933 gebaut worden und sollte das Oder-Haff im Winter befahrbar halten. 1945 flohen auf ihr hunderte Ostpreußen nach Kiel. Jahrzehntelang lag das Schiff in Lübeck, wo es beinah verschrottet worden wäre. Ich kann nur dankbar sein, dass sich 1981 engagierte Bürger für den Erhalt stark machten und dass mich diese engagierten Bürger zusammen mit dem Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg am Sonntag auf das Schiff eingeladen haben. Tage wie diese sind gelebte Teilhabe - Teilhabe an Erlebnis, Wissen und Erfahrung.

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