Im Kino: Der mit den Fingern sieht

09.05.2011 (Kommentare: 0)

Der blinde Maler Eşref Armağan hat noch nie in seinem Leben etwas gesehen: keine Farben, keine Formen, keine Räume, keine Gegenstände. Kein Schwarz und kein Weiß. Kein Licht und kein Schatten. Dennoch malt er all dies so, als könne er es sehen. Er ist ein künstlerisches und wissenschaftliches Phänomen. Man könnte seine Fähigkeiten für so unglaublich halten, dass man eine Täuschung vermuten müsste. Aber der türkische Maler ist nachweislich seit seiner Geburt blind.

Professor John Kennedy, Psychologe an der Toronto University, untersucht seit über 35 Jahren Blinde. Auch für den Professor ist dies der erste Blinde, der so etwas kann. Eşref Armağan malt Gegenstände und Landschaften exakt wie sie aussehen. Zudem malt er perspektivisch, die Dimensionen und Fluchtpunkte seiner Bilder sind realistisch und exakt.

Dass ein Blinder, der niemals gesehen hat, diese Fähigkeit besitzt, ist so unglaublich, dass Alvaro Pascual- Leone, Neurologe an der Harvard University, das Gehirn des blinden Malers untersucht hat. Der Harvard Experte ließ Eşref in einem Kernspintomographen liegend zeichnen und fand Erstaunliches heraus: Armağans visueller Kortex reagiert beim Malen wie der eines Sehenden. Pascual-Leone ist sich sicher: "Man kann sagen, dass Eşref mit seinen Fingern sieht."

Eşref Armağan ‚begreift€˜ die Welt. Er sieht mit den Fingern. Er lässt sich Formen und Farben beschreiben und merkt sich alles. Seit seinem sechsten Lebensjahr. Zuerst malte er mit einem Stock im Sand, mit Nägeln auf Holz, dann mit Bleistift und Pinsel. Heute malt er mit seinen Fingern.

Eşref Armağan kommt aus armen Verhältnissen und hat nie eine Schule besucht. Lange war er hilflos und mittellos. Heute hat der 57-jährige Türke Ausstellungen in Istanbul, Chicago, Shanghai, in Holland, Tschechien und Italien.

Der Filmemacher Savaş Ceviz hat den einzigartigen Maler in seinem Alltag begleitet und ihm beim Malen über die Schulter geschaut. Eşref zeigt dem Regisseur die Techniken und Geheimnisse, die er sich in mehr als vier Jahrzehnten angeeignet hat.

Der Film erzählt faszinierende Geschichten: Etwa wie es dazu kam, dass eines von Eşref Armağans Bildern im New Yorker MoMA hängt. Weshalb der Maler einen Brief von US-Präsident Bill Clinton aus dem Weißen Haus erhielt. Wer Eşref das Leben rettete, als er mittellos fast an Tuberkulose starb. Und warum er seine ebenfalls blinde Frau entführen musste.

Äußerst engagiert hat Savaş Ceviz einen Menschen porträtiert, dessen Leben, Fähigkeiten und Kenntnisse viele Klischees in Frage stellen und den Blick öffnen für Möglichkeiten jenseits der allgemeinen Vorstellungskraft. DER MIT DEN FINGERN SIEHT ist insofern auch ein Plädoyer, vorgefertigte Auffassungen zu hinterfragen und sich auch für zunächst Unglaubliches zu öffnen. Was auf den ersten Blick unmöglich erscheint, regt uns an, unsere Sehgewohnheiten zu hinterfragen und unsere Wahrnehmung nicht auf einen Sinn zu beschränken.

"Der mit den Fingern sieht" läuft ab dem 12. Mai in den Kinos. In Hamburg zeigen das Koralle Kino und die Passage Kinos den Film.

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