Blindenfussball in Hamburg

16.06.2006 (Kommentare: 0)

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft gab den "International Blind Challenge Cup" in Berlin. Bei diesem Turnier spielten Blinde und Sehbehinderte Fußball. Aus Hamburg waren auch einige Sportler angereist. Wir möchte Ihnen einen Erfahrungsbericht eines Teilnehmers weiterleiten, der Ihnen "Blindenfußball" eindrucksvoll beschreibt.

Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen selbst Lust einmal Fußball zu spielen oder kennt blinde und sehbehinderte Sportbegeisterte, für die diese interessant ist. Es soll in Hamburg weiter Fußball gespielt werden. Ihre Ansprechpartner finden Sie am Ende des Berichtes.

Können Blinde Fußball spielen??

(Ein Erfahrungsbericht von Stefan Schleicher)

Eine interessante Frage!!

Ich konnte zunächst gar nichts damit anfangen, als Michael Löffler anrief und mich fragte, ob ich mit ihm und seiner Frau, Katja Löffler, nach Berlin käme, um dort an einem Workshop ( 21.05.06 bis 28.05.06 ) teilzunehmen, um unter der Leitung der englischen Blindenfußballnationalmannschaft das Fußballspielen zu erlernen.Es hörte sich sehr interessant und auch sehr reizvoll an, denn ich habe Fußballspielen immer geliebt. Ich dachte eine Weile darüber nach, ob es für mich, als mittlerweile schon 40-jährigen Blinden noch möglich ist, dass Fußball spielen wieder neu zu erlernen, denn ich habe früher nur als Sehender gegen den Ball getreten und bin erst seit 2 Jahren blind.Doch was hatte ich schon zu verlieren?? Nichts!Ich konnte eigentlich nur gewinnen. Also machten wir drei St. Paulianer uns auf den Weg nach Berlin, um neben dem Blindensport Torball, den wir bereits in einer eigenen Abteilung beim FC St. Pauli ausüben, das Fußballspielen für Blinde zu erlernen.

Sonntag 21.05.06 gegen 17.15 Uhr am Bahnhof in Berlin- Spandau angekommen, wurden wir auch schon erwartet und ins Hotel gebracht. Um 19 Uhr gab es dann das erste Treffen aller Workshopteilnehmer.Die Besprechung wurde geleitet von den Trainern der englischen Fußball-Nationalmannschaft. Alle wirkten irgendwie angespannt und nervös.

Montag morgen sollte es dann endlich losgehen. Und noch immer fragte ichmich: Wie sollen Blinde Fußball spielen?? Mit dieser Frage war ich natürlich nicht allein.

Auf dem Platz angekommen, gab es, um den Blindenfußball in Deutschland bekannt zu machen, erst einmal Pressefotos und einige kurze Interviews.Einer der Schirmherren des Workshops, der britische Botschafter in Berlin, Sir Peter Torry, hielt ebenfalls noch eine kurze Begrüßungsrede. Langsam stieg meine Ungeduld. Ich wollte doch nun endlich Fußball spielen. Um deutlich zu machen, wie das Blindenfußballspiel funktioniert, hier ein kleiner Einwurf zum Aufbau und Regelwerk:

Schon 1987 wurden in Spanien die ersten Meisterschaften im Blindenfußball ausgetragen. In einigen Ländern hat sich Blindenfußball seit dem als feste Größe imBlinden- und Sehbehindertensport etabliert, während man in Deutschland erst jetzt auf diese interessante Sportart aufmerksam wird.

Blindenfußball ist genauso rasant und spannend wie das Spiel nicht Sehbehinderter. Gespielt wird 5er-Fußball (Football 5 a side). Mannschaften von je vier Spielern und einem Torwart agieren nach den Regeln der International Blind Sports Federation (IBSA), die sich an die Regeln der FIFA anlehnen. Bei IBSA-Meisterschaften beträgt die Spieldauer 50 Minuten auf einem etwa 20x40 m großen Spielfeld.Die Außenlinien an den langen Seiten des Spielfeldes werden durch eine ca 1 Meter hohe Bande gebildet, welche mit in das Spiel einbezogen werden kann.Durch die Begrenzung des Spielfeldes durch eine Bande, bleibt der Ball länger im Spiel und gleichzeitig dient Diese den blinden Spielern auch zur Orientierung, da man die Bande auf Grund des Schalls, der von ihr ausgeht, recht gut hören kann.

Die Spieler im Feld sind blind im Sinne des höchsten Schweregrads B1, Augenklappen oder Binden gleichen eventuelle Unterschiede in der Sehschädigung unter den Spielern aus. Die Torwarte sind als einzige nicht blind. Sie und die mannschaftseigenen guides, die jeweils hinter dem gegnerischen Tor positioniert sind, dirigieren mit Zurufen ihre Spieler. Der Ball der blinden Fußballer ist im Inneren mit Rasseln versehen und ist auf diese Weise "hörbar".

(Aus: http://www.ibcc2006.de/index.php?menuid=12)

Bevor wir nun mit dem Training am Ball beginnen konnten, wurden wir in drei Kleingruppen aufgeteilt. Zunächst war also "Trockentraining" angesagt. Wir übten das Vorwärtslaufen auf ein bestimmtes Ziel hin, das Seitwärts- und das Rückwärtslaufen, um uns in Spielsituationen mit Ball besser bewegen und Orientieren zu können.Ich hatte wahnsinnig viel Spaß dabei, auch ohne Ball. Muskelkater blieb natürlich nicht aus. Was taten mir die Beine weh und sie wurden immer schwerer. Ich konnte es nicht wirklich verstehen. Ich dachte, ich würde mich durch den Torballsport ausreichend bewegen. Es war wohl doch nicht so. Egal.Was tut man nicht alles für die Karriere ;-).Eigentlich bin ich viel zu alt für diese Scheiße. Wie oft habe ich das gesagt. Ich habe schon nicht mehr mitgezählt.

Als der Ball dann ins Spiel kam, ging es endlich los.Natürlich hatten die Engländer auch recht damit, dass sie uns so lange haben trocken üben lassen, denn wir mussten erst mal ein Gefühl für den eigenen Körper für die Orientierung und vor allem für die Reaktionsschnelligkeit entwickeln, bevor wir auf einen Ball losgelassen werden konnten.

Wir wuchsen immer näher zusammen. Bald waren wir eine kleine verschworene Gemeinschaft, auch dank der Engländer. Unsere Trainer waren aber auch positiv davon überrascht, welches Potential in uns steckte. Es gab doch einige, die schon einmal gegen den Ball getreten hatten. Das war zu erkennen. Auch konnte man sehen, dass wir unbedingt das Fußball spielen erlernen wollten. Es hat höllisch Spaß gemacht, zusammen mit dieser tollen Truppe den Workshop zu besuchen. Ab dem dritten Tag konnten wir schon einige Spielzüge, die uns die Engländer beigebracht hatten, nachspielen. Und das war ein klasse Gefühl! Wir spielten Fußball!! Und manchmal trafen wir auch das Tor. Aber das war nicht wirklich wichtig.Wir hatten einfach verdammt viel Spaß, das hat man uns auch angesehen. Überrascht war ich vor allem auch über mich selbst. Ich habe nicht viel verlernt. Das Ballgefühl war noch da. Und das war irgendwie ein wahnsinniges Gefühl. Die Ballbeherrschung war natürlich eine andere aber es ging trotzdem. Es tat so gut.

Am Ende des Workshops wollten wir alle mehr. Aber leider ging auch dieser Workshop einmal zu Ende. Nur eines war für uns alle ganz klar.WIR MACHEN WEITER!!

Um weiter machen zu können, brauchen wir Eure Hilfe, liebe St.Paulianer/Innen:

Wenn Ihr Lust bekommen habt, mit uns zusammen Fußball zu spielen, dann meldet Euch bitte per e-Mail bei Katja Löffler unter:

Blindenfussball@FCStPauli.info Oder telefonisch bei Stefan Schleicher unter:040 4801282.

Dabei ist es egal, ob Ihr Frauen oder Männer seid, blind oder sehend, wir suchen sehende Torhüter, sehende Trainer, sehende oder blinde Feldspieler, wobei die sehenden Feldspieler zur Chancengleichheit eine Augenbinde tragen sollten.

Weitere Infos über den Blindenfußball gibt es auch unter: www.ibcc2006.de

Wir freuen uns auf jeden, der Interesse hat und sich bei uns meldet!

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