20 Jahre Hörfilm in Deutschland

10.12.2009 (Kommentare: 0)

Am 13. Dezember 2009 jährt sich die deutsche Hörfilm-Premiere zum 20. Mal. In einem Beitrag erinnert Hela Michalski an die bewegte Geschichte der Audiodeskription in der Bundesrepublik.

Bei den Filmfestspielen in Cannes hat der Amerikaner August Coppola 1989 einen Indiana-Jones-Film mit Audiodeskription vorgestellt. Über dieses Ereignis hat die "Süddeutsche Zeitung" eine kurze Notiz gebracht. Zur gleichen Zeit wollten die beiden Zivildienstleistenden Bernd Benecke und Robert Müller sowie die Mobilitätstrainerin Andrea Hartwig im BIT-Zentrum des BBSB eine Kinozeitschrift mit dem Namen "Preview" gründen. Da kam ihnen dieser Artikel für ihre Null-Nummer gerade recht. Der damalige Chef der Columbia-Tristar, Jürgen Schau, las in der Zeitschrift "Cosmopolitan" ebenfalls über die geplante Kinozeitschrift. Er wollte mit zwei aktuellen Filmen, in denen Blinde eine Rolle spielten, neue Zuschauerschichten gewinnen und übernahm die Idee, einen Film mit Audiodeskription zu versehen. Er bot den Redakteuren von "Preview" 2 Filme zur Auswahl an "Blinde Wut", ein harter Actionfilm über einen blinden Samurai-Kämpfer und "Die Glücksjäger", eine Komödie mit einem Blinden und einem Gehörlosen, die zusammen einen Mord aufklären. Die drei sehenden Redakteure entschieden sich zusammen mit Elmar Dosch, einem blinden Mitarbeiter im BIT-Zentrum, für "Die Glücksjäger". Bei dieser ersten Filmbeschreibung in Deutschland haben sich die vier Pioniere viele Fragen stellen müssen, so zum Beispiel: Weiß ein Geburtsblinder wie sich Trauer oder Freude im Gesicht widerspiegeln? In wie weit müssen Gesten erklärt werden? Wann werden Personen benannt und beschrieben?

Am 13.12.1989 war die deutsche Hörfilmpremiere. Das aufgesprochene Manuskript wurde bei einer Kinovorführung parallel zum Film von einer Videocassette eingespielt und konnte vom blinden Publikum über Kopfhörer empfangen werden. Bernd Benecke und Elmar Dosch, die beide heute erfahrene Hörfilmredakteure sind, würden so eine Beschreibung nach eigenen Worten nicht mehr akzeptieren, da sie noch viel zu spartanisch getextet war. Die Hörfilmfassung von "Die Glücksjäger" ist nur dieses eine Mal aufgeführt worden, im Fernsehen oder auf DVD gibt es sie nicht. In der Folge haben die Hörfilmautoren noch die Filme und "Kuck mal wer da spricht" (1990) und "Angst vor der Dunkelheit" (1992) beschrieben. Auch für das Münchener Filmfest konnten die vier 1993 zum Drama "Eine unheilige Liebe" von Michael Verhoeven eine Hörfilmfassung erarbeiten, die dann von Bernd Benecke live eingesprochen worden ist. Michael Verhoeven war völlig überrascht und fasziniert, dass er nach der Vorstellung mit Blinden über seinen Film diskutieren konnte. Beeindruckt durch diese Erfahrung setzte er sich persönlich dafür ein, dass bei der Erstausstrahlung seines Dramas im Fernsehen die Audiodeskription mit ausgestrahlt wurde.

Ich hatte das Glück, 1993 im ZDF diese Hörfilmfassung mit zu erleben. Gesendet wurde damals in analoger 2-Kanal-Ton-Technik, sodass die Beschreibung ohne besondere Einstellungen zu hören war. Bis 1997 gab es dann jeweils nur ein bis zwei Hörfilme im Jahr im Fernsehen. Aber dann endlich begann die regelmäßige Ausstrahlung von Hörfilmen - ab Juli beim BR im monatlichen Abstand! Dazu kamen Filme bei Arte und im ZDF - es tat sich etwas! Beschreiberteams wurden ausgebildet und Jahr für Jahr beteiligten sich immer mehr dritte Programme an neuen Hörfilmproduktionen und auch an senderübergreifenden Wiederholungen. Mittlerweile produzieren fast alle dritten Programme, Arte, das ZDF, der ORF aus Österreich und das Schweizer Fernsehen Hörfilme für Blinde. Die privaten Sender drücken sich bisher und strahlen keine Hörfilme aus. Lediglich Pro 7 und Sat 1 haben mal Hörfilmproduktionen unterstützt.

Zeitweise wurden die öffentlich rechtlichen Sender von sehenden Zuschauern mit Beschwerden überhäuft, da die zusätzliche Beschreibung in der Übergangsphase vom analogen zum digitalen Fernsehen von vielen nicht abgeschaltet werden konnte. Die vollständige Digitalisierung beendet nun endlich den Konflikt, da die Beschreibung nun auf einer zweiten Stereospur gesendet wird. Dieses Verfahren eröffnet sogar die Chance, Hörfilme im Stereoton zu empfangen und ist daher sehr viel komfortabler. Im letzten Jahr sind mehr als 550 Hörfilme ausgestrahlt worden und dank der Digitalisierung können alle Hörfilme der dritten Programme auch bundesweit empfangen werden, was analog nicht möglich war. Die Umstellung bedeutet allerdings für die Hörfilmfans, dass ein Digitalreceiver für Kabel- oder Satellitenempfang angeschlossen werden muss. Die Umrüstung bzw. die Neuanschaffung lohnt sich allemal. Schließlich geben Hörfilme ein Stück Normalität in den Alltag eines Blinden zurück.

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