Das große Jubiläumsjahr hat begonnen: 100 Jahre BSVH

07.01.2009 (Kommentare: 0)

Geburtstagstorte mit der Aufschrift 200 Jahre Louis Braille - 100 Jahre BSVH

Das große Jubiläumsjahr hat begonnen. Am 4. Januar 2009 feierten blinde und sehbehinderte Menschen weltweit den 200. Geburtstag Louis Brailles. Die rund 3000 blinden und über 40.000 sehbehinderten Hamburgerinnen und Hamburger hatten noch einen Grund mehr zum Feiern: der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) wurde am Sonntag 100 Jahre alt. Diese zwei Gründe zum Feiern haben wir erfolgreich gewürdigt.

Um 15.00 weihte Kultursenatorin von Welck (parteilos) den Louis-Braille-Platz ein. Über 100 Menschen besuchten trotz Regen und Kälte den Vorplatz der U-Bahn Hamburger Straße. Neben Frau von Welck würdigten der französische Konsul Tutin und der zweite Vorsitzende des BSVH Kißler die Leistung Brailles. Kißler nannte Brailles Lebenswerk für sich unentbehrlich. Er selbst las seine Notizen für die Einweihungsrede mit den Fingern von Punktschrift-Blättern ab.

Im benachbarten Louis-Braille-Center, dem Dienstleistungszentrum des BSVH, feierten 350 Menschen das Vereinsjubiläum. Das kabarettistische Urgestein Hans Scheibner trat dort ebenso auf wie der Sänger Jochen Wiegandt, dessen plattdeutsche und hanseatische Volkslieder und Geschichten zeitlos daher kamen. Die MitarbeiterInnen und HelferInnen können stolz sein. Eine infrastrukturelle Meisterleistung ist gelungen. Der Partyservice Giffey verstand es großartig, unsere blinden und sehbehinderten Besucher zu bedienen - unaufdringlich und effektiv. Ein echter Hingucker war die Riesentorte, auf der in Blinden- und Schwarzschrift stand: "200 Jahre Louis Braille - 100 Jahre BSVH" und auf der leckere Hände die Punktschrift lasen. Das fand auch das Hamburg-Journal, das die Torte in der Sonntagsausgabe zeigte.

Überhaupt war das Medien-Echo erfreulich: Hamburg1, Welt, Abendblatt, Mopo, Kobinet und die TAZ berichteten (letztere sogar zweifach). Die ausführlichste Information bot NDR 90,3 mit einer Live-Schaltung, mit Kurzberichten in den Nachrichten und einer lebendigen Reportage am Montagmorgen.

Der 4. Januar war erst der Anfang. Weitere Highlights im Jubiläumsjahr sind u. A. Lesungen und Veranstaltungen der Tour de Braille, eine Ausstellung von Bildern der Künstlerin Armelle Mag im Louis-Braille-Center, die Wiederaufführung des Theaterstückes "Blindfische und Sehfische" in der Kulturbühne Bugenhagen im März, ein großes Fest für die HamburgerInnen am 6. Juni und vieles mehr. Seien Sie gespannt!

Rede von Hilding Kißler, dem zweiten Vorsitzenden des BSVH, zur Einweihung des Louis-Braille-Platzes

Hochverehrte Frau Senatorin Prof. von Welck, Seine Excellenz der Generalkonsul der Republik Frankreich, Monsieur Tutin, verehrte Frau Weidemann, lieber Herr Hahn, Sie und viele weitere Gäste begrüße ich sehr herzlich zur Einweihung des Louis-Braille-Platzes.

Ich möchte Ihnen ganz kurz den Menschen näher bringen, der hier und heute einem Platz seinen Namen gibt und dessen Lebenswerk für mich unentbehrlich ist, denn wie Sie sehen, brauche ich Notizen in Brailleschrift!

Am 4. Januar 1809 wurde dem Ehepaar Braille in dem kleinen Dorf Coupvray bei Paris ein gesunder Junge geboren, der den Vornamen Louis bekam. Als dieser drei Jahre alt war, spielte er in der Sattlerwerkstatt seines Vaters mit all den für ein Kind interessanten aber nicht ungefährlichen Werkzeugen.

Und das Unglück geschah! Eine Schusterahle drang ihm ins Auge und da die damaligen Möglichkeiten der medizinischen Behandlung noch sehr begrenzt waren, heilte das verletzte Auge nicht, sondern im Gegenteil, und paradoxerweise, nennen die Mediziner dies auch heute noch, eine sympathische Reaktion, entzündete sich auch das unverletzte Auge. Louis wurde wenige Wochen nach dem Unfall völlig blind! Deshalb zeigen ihn übrigens viele Zeichnungen und Bilder, Fotos gab es ja noch nicht, mit geschlossenen Augen.

Als er 6 Jahre alt war, kam er in die Dorfschule am Ort. Louis wurde sozusagen integrativ beschult. Offensichtlich war er so begabt, dass ihn sein Lehrer schon bald an die Blindenschule in Paris schickte.

Einer seiner Lehrer dort war Valentin Haüy, der 1784 die erste Blindenschule der Welt gegründet hatte. Hier lernte Louis Braille die zu der Zeit benutzten Tastschriften kennen, so eine Schrift mit tastbaren Strichen, für die er später eine Art Schreibmaschine entwickeln sollte sowie eine Tastschrift mit 11 Punkten, mit der Soldaten auch Nachts Befehle lesen können sollten, entwickelt vom Hauptmann Charles Barbier.

Es gab also genügend Anregungen für einen aktiven und kreativen Geist, wie Louis ihn gehabt haben muss. Nachdem er zunächst mit einer Nagelschrift (Raphigraphie genannt) experimentiert hatte, war dann1825, er war gerade 16 Jahre alt, aus vielen Versuchen eine Schrift mit nur 6 Punkten geworden, - und die funktionierte!

Diese 6 Punkte stehen wie die 6 auf einem Würfel. Von diesen 6 Punkten kann einer erhaben sein, das wären schon einmal 6 Möglichkeiten, oder auch zwei und drei bis hin zu allen 6 und je nach Konfiguration dieser Tastpunkte, lassen sich alle Buchstaben des Alphabets darstellen. Beim A ist nur der erste Punkt oben links erhaben, beim L sind alle drei Punkte der linken Reihe erhaben und beim Y fehlt der zweite Punkt links. Insgesamt sind so 64 verschiedene Punktkombinationen möglich. Damit kann nicht nur das gesamte Alphabet dargestellt werden, sondern auch Zahlen, Zeichen für Musiknoten, mathematische und chemische Formeln. Ja sogar für Sprachen, die ein umfangreicheres Alphabet haben, kann dieses System genutzt werden. Im Französischen gibt es ja kein W, wie bei Welck - mit dem mittleren Punkt der linken Reihe und allen Punkten der rechten Reihe ist auch dies gelöst.

Zunächst nur schleppend verbreitete sich diese Schrift. Obwohl inzwischen weltweit Blindenschulen gegründet worden, 1831 auch in Hamburg, damals in der Großen Reichenstraße 28, und diese Schulen eine für ihre blinden Schülerinnen und Schüler lesbare Schrift brauchten, wurde erst 1850 vom Ministerium die Brailleschrift an der Pariser Blindenschule als Pflichtfach angeordnet. Im gleichen Jahr wurde einem Lehrer der Blindenschule in Düren allerdings die Einführung der Brailleschrift noch mit dem Argument "Lesen und Schreiben spielen für Blinde eine untergeordnete Rolle" abgelehnt, und erst 1879 beschlossen die deutschen Blindenpädagogen auf ihrem Kongress in Berlin die Einführung der Brailleschrift an den deutschen Blindenschulen. Aber schon 10 Jahre vorher, 1869, erschienen in England die ersten Bücher in Brailleschrift. 1894 wurde die Deutsche Zentralbibliothek für Blinde in Leipzig als erste Ausleihe von Blindenschriftbüchern gegründet, in Hamburg 1905 die Centralbibliothek für Blinde.

1901 hatte der Berliner Oskar Picht die erste Schreibmaschine für Brailleschrift entwickelt, bis dahin wurde Blindenschrift mit einem Stichel auf Tafeln geschrieben.

Heute ist die von Louis Braille entwickelte Schrift weltweit verbreitet und immer noch, auch fast 200 Jahre nach ihrer Erfindung, unverzichtbar für blinde Menschen. Modernste Computer haben eine sogenannte Braillezeile, bei denen die jeweils notwendigen Punkte nach oben springen und nur so können wir das, was sehende Augen auf dem Monitor lesen können, auch lesen.

Blinde Menschen in Hamburg haben das Werk von Louis Braille immer wieder in Erinnerung gehalten. So wurde der Blindenverein zu Hamburg und Umgebung e.V. am 4. Januar 1909, also genau zum 100. Geburtstag von Louis Braille gegründet. Und ebenfalls an einem 4. Januar wurde 1989 das Louis-Braille-Haus als Vereinshaus eingeweiht, heute zum Louis-Braille-Center ausgebaut. Was für uns fehlte, war eine Louis-Braille-Straße oder ein Louis-Braille-Platz! Und diesen wird Hamburg heute erhalten. Dafür möchte ich allen, die dies möglich gemacht haben, ganz herzlich danken. Louis Braille hat diese Ehrung verdient!

Louis Braille ist gerade mal 41 Jahre alt geworden. Er starb am 6. Januar 1852! 100 Jahre später, ehrte Frankreich seinen Bürger Louis Braille durch Überführung der Gebeine in das Pantheon in Paris. Damals sagte ein Festredner: "Die Vorsehung hat einem Menschen das Augenlicht genommen, damit Millionen andere das Licht des Geistes wiedererlangen können!"

Nun leuchtet dieser Geist deutlich sichtbar auch in Hamburg!

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