"Verstanden werden und dazu gehören" - ein Erfahrungsbericht

Wie erkenne ich, ob mein Brot schimmelig ist? Was denken die Nachbarn, wenn ich sie nicht mehr grüße, weil ich sie nicht erkenne? Ist meine Kleidung schmutzig oder kann ich ohne Scham auf die Straße gehen: Dies sind alltägliche Fragen von blinden und sehbehinderten Menschen, Fragen, die einem Sehenden fremd sind. Besonders Senioren sind betroffen. Schuld sind altersbedingte Augenerkrankungen, wie Makula-Degeneration, Glaukom oder die diabetische Retinopathie. Welche Ängste die Betroffenen durchleiden und welche Bedürfnisse sie haben, schildert Margarete D.* in einem eindrucksvollen Bericht.

Mein Name ist Margarete D., ich bin 75 Jahre alt. Eines Tages bemerkte ich, dass etwas mit meinen Augen nicht in Ordnung war. Der Augenarzt stellte eine Hornhauterkrankung fest und weitere Untersuchungen ergaben die Diagnose Glaukom. Das war vor 6 Jahren. Der Augenarzt hatte damals zu mir gesagt: „Frau D., ein Glaukom kann unbehandelt zur Erblindung führen. Sorgen Sie sich nicht, die Erkrankung ist zum Glück bei Ihnen erst am Anfang.“ Unzählige Fragen schossen mir gleichzeitig durch den Kopf. Jedoch (wie so oft beim Arzt), das Wartezimmer war übervoll und ich bekam nur noch mit auf den Weg: „Tropfen Sie regelmäßig! In einem viertel Jahr, wenn keine weiteren Beschwerden auftreten, sehen wir uns wieder. Und informieren Sie sich!“ Ich war verunsichert. Brillenträgerin war ich ja schon seit meinem 40. Lebensjahr. Das hatte mich nie besonders beunruhigt, es gibt ja die Sehhilfen, Brillen in verschiedenen Stärken.

Wie soll ich mit meiner Erkrankung, die sich langsam, klammheimlich verschlimmert und von der ich immer noch nicht genügend weiß, im Alltag fertig werden? Ich weiß es nicht! Es ist sehr schwer hier in Worte zu fassen. Zu der Zeit, als ich mit der Diagnose Glaukom konfrontiert wurde, war ich 69 Jahre alt. Ich war damals und auch heute noch total durcheinander, weil ich vor dem Wort „Erblindung“ riesige Angst bekam die ich bis heute behalten habe. Jedoch fand ich damals Trost und beruhigende Zuwendung bei meinem Mann, der inzwischen verstorben ist. Sechs Jahre sind vergangen, inzwischen sind neue chronische Erkrankungen erschwerend dazu gekommen. Das Sehvermögen wird immer weniger, doch die Angst vor dem, was kommen könnte, wächst beständig. Ganz langsam realisiere ich, dass Unsicherheit aufkommt. Unterwegs z.B., dass ich die Straßennahmen nicht mehr lesen kann. Nachbarn oder andere Bekannte immer als Erste „Guten Tag Frau D.“ zu mir sagen, weil ich sie zu spät erkenne. Am Bahnhof sind nun die Anzeigetafeln für mich nicht mehr zu lesen. Am Anfang fällt es schwer, um Hilfe zu bitten. Jetzt, nachdem ich die Scheu überwunden habe, ein sichtbares Zeichen, z.B. die gelben Buttons mit den 3 schwarzen Punkten zu tragen, bin ich noch nie enttäuscht worden, wenn ich etwas frage. Es macht mich aber unsicher und ich empfinde ein Gefühl von Minderwertigkeit.

Ein anderes Beispiel der zunehmenden Schwierigkeiten im Alltag ist das Einkaufen. Solange ich nur nach mir bekannten Produkten im alt vertrauten Supermarkt greife, kein Problem. Jedoch manchmal wird in den Geschäften, ob Supermarkt oder Kaufhaus, die Ware umgeräumt. Dann steh ich da, ärgerlich, sogar wütend, nicht das zu finden, was ich gern kaufen möchte. Was mache ich dann? Ich frage mal wieder. Wenn ich endlich an der Kasse stehe, um zu bezahlen, so muss ich warten, bis die Kassiererin mir die Summe nennt. Normal sehende Kunden lesen den Zahlbetrag selber vom Display ab. Das Kleingeld im dunklen Inneren meiner Geldbörse zu finden, ist nicht so einfach und dauert - manchmal für die Wartenden nach mir - etwas zu lange. Schließlich bin ich frustriert, packe meinen Einkauf in die Tasche, bemerke, mal wieder viel zu schwer, vergesse zuletzt den Euro aus dem Einkaufswagen zu fingern und finde „Einkaufen“ gar nicht mehr interessant oder erlebnisreich! Resignation. Im Gegenteil, es wird so beschwerlich, dass ich sogar schon anfange, es zu vermeiden. Wenn ich dann merke, dass ich mich selber „austrickse“ mit dieser Vermeidungshaltung, anstatt mich den Schwierigkeiten eines Einkaufs zu stellen, so bin ich gar nicht mehr mit mir zufrieden. Ich fange an zu grübeln und male mir aus, wie schrecklich klein meine Welt wird.

Wenn ich mich schon nicht einmal mehr im Supermarkt allein zu recht finde, wie mag das werden? Bislang habe ich meinen kleinen 2,5 Zimmer- Haushalt allein bewältigt. Es fängt aber an, dass ich nicht mehr alles so schaffe, wie bisher. Nun mache ich mir Sorgen: Wie weit werden meine finanziellen Mittel reichen, um mir einmal genügen Hilfe zu kaufen? Wird es schmuddelig aussehen in meiner Wohnung? Sehe ich meine Flecken auf meiner Kleidung? Öfter passiert es auch, dass ich ein Kleidungsstück auf der linken Seite anziehe. Bis jetzt habe ich das immer rechtzeitig bemerkt. Und in der Küche, das Brot, wie werde ich merken, dass es schimmelig ist? Oder der Quark, das Joghurt schimmelt? Überhaupt das Kochen. Ich habe es mein Leben lang sehr gern und für viele Gäste gemacht, alles aus und vorbei? Ich werde so traurig, dass ich mich manchmal total antriebslos fühle. Z.B., der mir so wichtige Umgang mit meinen Mitmenschen, wie wird es sein? Wird man sich von mir zurückziehen? Werde ich einsam sein? Inzwischen sind noch andere altersbedingte Erkrankungen dazu gekommen und ich kann mir nicht vorstellen, wie ich alles bewältigen werde.

Sehr froh war ich darüber, die Empfehlung zu bekommen, mich einmal im Hamburger Blinden- und Sehbehindertenverein e.V. umzuhören, was es an Informationen für Menschen mit chronischen Augenerkrankungen gibt. So habe ich ihn gefunden, den Ort, wo ich angenommen werde mit allen meinen Fragen, meinen Problemen und wachsenden Ängsten, mit Traurigkeit, Unsicherheit und manchmal auch hilfloser Wut. Jetzt bin ich seit ein paar Jahren Mitglied im Hamburger Blinden- und Sehbehindertenverein e.V. und freue mich jede Woche auf einen Nachmittag in einer Seniorengruppe. Jedes Mal findet ein reger Austausch statt, denn alle haben ähnliche Probleme, sind sehbehindert oder blind. Über praktische Hilfsmittel wird informiert und sie werden im Verein vielfältig angeboten. Ein wenig Angst wird mir genommen, wenn ich davon höre, das Leselupen und Bildschirmlesegeräte hilfreich sein können oder das Zeitung vorlesen auch mit elektronischem Vorlesegerät möglich ist. Frau Diesmann, die Leiterin der Seniorenarbeit des BSVH, bietet bei Bedarf auch Einzelberatung an, denn gerade als älterer allein lebender Mensch benötige ich Zeit, um in einem guten, wohltuenden Gespräch ein wenig Halt zu finden. Wo sonst, oder wer sonst hat die Bereitschaft, mir einmal zuzuhören, so dass ich von meinen großen und kleinen Nöten reden kann und verstanden werde, so dass ich mich nicht ausgegrenzt fühle.

Ich möchte mit diesem Artikel auch deutlich machen, dass in unserer Gesellschaft ältere sehbehinderte Menschen sehr viel mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung und Zeit benötigen. Wenn meine Worte hier über einige von vielen Nöten bei Menschen Beachtung finden, die uns sehbehinderte Senioren in der Öffentlichkeit vertreten, dann hoffe ich, dass wir in Zukunft nicht vergessen werden.

* Name von der Redaktion geändert